Dienstag, 2. November 2010

Control - Ein Film von Anton Corbijn


„Existenz, was bedeutet das schon. Ich lebe mein Leben so gut ich kann. Die Vergangenheit ist nun Teil meiner Zukunft. Die Gengenwart lässt sich nicht kontrollieren.“

So fängt das Menu des Films Control an, der auf den Memoiren von Deborah Curtis basiert. Ein ergreifendes Schwarzweiss-Porträt des tragischen und sagenhaften Joy Division-Sängers Ian Curtis. Regie: Der berühmte Fotograf Anton Corbijn.
Ian Curtis wurde am 15. Juli 1956 in Old Trafford, Manchester geboren und wuchs in Macclesfield auf. Bereits in seiner frühen Jugend machte Curtis Erfahrungen mit Drogen. Er nahm große Mengen von Medikamenten. Während dieser Zeit zeigten sich schon erste Anzeichen seiner Epilepsie, die Curtis aber als Folge seines Drogenmissbrauchs einschätzte.
Am Anfang des Filmes beobachten wir den noch jungen Ian Curtis, wie er vor dem Schminkspiegel versucht, sich in David Bowie zu verwandeln. Es ist 1973 und gerade hatte Bowie mit „Ziggy Stardust“ gezeigt, dass man sein früheres Selbst abstreifen kann wie eine Haut.
Nach dem Abbruch seiner Schullaufbahn begann Curtis, bei Rare Records zu arbeiten. Später gab er diese Stelle auf und arbeitete bei der Manpower Services Commissions in Manchester, einer Art Arbeitsamt. Bei dieser Arbeit im Film sieht man einen aufgeweckten, hilfsbereiten und sehr freundlichen jungen Mann. Am 17. April 1974 verlobte sich Curtis mit seiner Freundin Deborah „Debbie“ Woodruff. Ihre Hochzeit fand am 23. August des nächsten Jahres statt. Sie waren sehr jung und die Idee stammte laut Film von Ian Curtis.
Im Juni 1976 stieß Curtis zu Peter Hook, Bernard Sumner und Terry Mason, mit denen er eine Band gründete. Am 19. Mai 1977 hatten sie ihren ersten Auftritt unter dem Namen Warsaw. Ihre erste EP „An Ideal For Living“ veröffentlichte die Band im Januar 1978, jedoch unter dem Namen Joy Division.
Auf der Bühne verwandelt sich Curtis in einen getriebenen Frontmann. Er agiert wie besessen: Seine marschierenden Bewegungen sind eckig, fast verzweifelt, der Gesichtsausdruck gequält und unlocker. Dennoch: Dank Sam Riley, der Ian Curtis in diesem Film verkörpert, spürt man das ungeheure Charisma dieses Mannes, der als Epileptiker nichts so sehr fürchtet wie den Verlust der Kontrolle.
Doch die entgleitet Curtis leider zunehmend. Die Beziehung zu seiner Frau, mit der er unterdessen eine Tochter hat, geht in die Brüche wegen einer Affäre mit der schönen belgischen Annik Honoré. Curtis versucht es beiden recht zu machen, doch scheitert. Im Frühjahr 1980 reicht Curtis’ Ehefrau Deborah die Scheidung ein, da sich ihre Beziehung immer weiter verschlechtert hatte. Ian versucht erfolglos, sie dazu zu überreden, diese zurückzuziehen. Während er also mit großen privaten Problemen zu kämpfen hatte, vergrößerte sich auch seine Angst vor der Amerika-Tour. Ian Curtis kommt mit der Aussicht auf schnellen Ruhm nicht zurecht. Es ist ja oft so bei Künstlern: Wir wollen Erfolg, wir wollen Erfolg – ooooh nein, wir haben zu viel Erfolg, damit komm‘ ich nicht klar.
Schuldgefühle seiner Frau und seiner Tochter gegenüber, epileptische Anfälle und eine schwere Depression lassen Curtis‘ Abstieg in seine persönliche Hölle eskalieren.
Am 18. Mai 1980 erhängt sich der 23-jährige in der Küche seiner Wohnung – zwei Tage vor Beginn der ersten USA-Tournee von Joy Division. Im Film wird er von seiner Frau gefunden und dieser Moment bleibt lange im Kopf und im Magen des Filmsehers.
Ich war mir am Schluss des Filmes nicht sicher, ob ich Ian Curtis mag. Er betrügt seine Frau, die alles für ihn getan hat und verlässt seine Familie durch Selbstmord. Doch die Medikamente, die er wegen seiner Krankheit einnehmen musste, scheinen hauptsächlich für seine Stimmungsschwankungen, die sich auch in den depressiven und düsteren Texten der Band widerspiegeln, verantwortlich zu sein. Dafür kann er ja nichts und die Texte mag ich ja schliesslich auch. Sein Umfeld hielt Curtis’ Texte allerdings nur für einen Teil der Musik der Band. Im Rückblick sagte Bernard Sumner, ein Bandmitglied jedoch: „Ich glaube wirklich, dass es die Tabletten waren, die ihn umbrachten. Wirklich. Ich weiß es.“
„Control“ ist nicht wie andere Musikfilme. Mit ausdruckstarken Bildern, vielen Details in Schwarzweiss zeichnet Anton Corbijn das Porträt einen Mannes, der mit seinem aussergewöhnlichen und düsteren Gesang zu einer Ikone der Postpunk-Bewegung wird - und seine Abgründe.

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